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1 Einleitung Wasser ist einer der wichtigsten Stoffe überhaupt. Es kann nicht ausführlich genug im Unterricht behandelt werden, meist reicht aber die Zeit nicht aus. Haben Schüler und Schülerinnen das Wassermolekül und einiges Drumherum erst einmal verstanden, dann fällt ihnen alles Folgende auch leichter, insbesondere dann, wenn es um zwischenmolekulare Anziehungskräfte geht. Es fällt immer wieder auf, dass Schülerinnen und Schüler Schwierigkeiten haben, präzise zu unterscheiden zwischen einerseits zwischenmolekularen Kräften und andererseits innermolekularen Kräften; man hört dann Aussagen wie diese: "die Verbindung ist sehr stabil, daher hat sie auch eine hohe Siedetemperatur". Natürlich gibt es genügend Anknüpfungspunkte zwischen diesen beiden Arten von Kräften, zunächst muss man sie aber sorgfältig trennen können. Und es ist außerordentlich wichtig herauszufinden, an welcher Stelle die eine Kraft in die andere übergeht und umgekehrt. Dann geht es nicht nur um die Beziehungen von gleichen Teilchen, sondern auch von verschiedenen Teilchen untereinander. Gerade die Kenntnis dieser beiden Kräftearten macht den Reiz der Chemie aus. Zuerst müssen Schüler und Schülerinnen aber die Eigenschaften der einzelnen Stoffe kennen und mindestens teilweise erklären können. Dann können sie versuchen, aus der Kenntnis der Eigenschaften (also der Beziehung gleicher Teilchen untereinander) auf Reaktionen (also die Beziehung verschiedener Teilchen untereinander) zu schließen, natürlich immer an Hand von praktisch durchführbaren Experimenten. Meines
Wissens hat es die Chemiedidaktik oder -methodik bisher noch nicht
versucht,
von der Beziehung zwischen gleichen Teilchen z. B. den Wasserstoffbrücken
auf die Beziehung zwischen verschiedenen Teilchen, hier dann der Protolyse
zu schließen. Dies soll deshalb im Folgenden versucht werden und damit
ein Beitrag
zum Chemieunterricht der Sekundarstufe 1 geleistet werden.
Das insbesondere
deshalb, weil es auch neue Lehrbücher, z. B. „Chemie im Kontext“ [8]
renommierter Didaktiker nicht schaffen, diesen Sachverhalt Fünfzehn-
bis
Sechzehnjährigen einigermaßen verständlich nahezubringen. 2
Das Problem der Wasserstoffbrücken So macht man, wenn man mühsam die Kenntnis von den zwischenmolekularen Kräfte und als Teil dieser die Kenntnis von den besonders starken Wasserstoffbrücken aufgebaut hat, alles wieder zunichte, wenn man meint, dass "Wasserstoffbrückenbindungen" "nur" relativ schwach sind. Es ist nicht einleuchtend, warum dieser Fehler auch heute noch [9] (dort wird allerdings das fast nackte Proton, s. u. erwähnt, ein großer Fortschritt) weitergegeben wird, denn man unterscheidet in diesem Zusammenhang nicht sorgfältig zwischen einerseits intermolekularen Kräften und andererseits intramolekularen Kräften. Die Wasserstoffbrücke ist aber keine Bindung in dem Sinne, wie man sie den Schülern und Schülerinnen bisher mitgeteilt hat und damit ist der Energievergleich nur irreführend.
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Genauere Betrachtung der Wasserstoffbrücken Es muss hier erlaubt sein, etwas zu dramatisieren, da es sich bei den Wasserstoffbrücken um recht einmalige Beziehungen zwischen Teilchen handelt. Das elektronegativere Atom bringt es doch glatt fertig, den Wasserstoff fast ganz seines Bindungselektronenpaares zu berauben, so dass ein fast nacktes Proton entsteht, das naturgemäß sehr starke Anziehungskräfte auf die Umgebung ausübt [1]. Und dies ist nur beim Wasserstoff so, da nur dieser ein einziges Elektron hat (also keine Elektronen zwischen Kern und Valenzelektronen). Diese Einmaligkeit beim Wasserstoff wird bei der Erklärung der Wasserstoffbrücken häufig nicht genügend herausgehoben, obwohl sie sich geradezu anbiedert. Die Betrachtung des Wasserstoffs alleine, obwohl sie sehr wichtig ist, reicht jedoch nicht aus, wir müssen auch noch die elektronegativeren Partner betrachten. Hier werden in der Literatur nur drei Bindungspartner für den Wasserstoff zugelassen: Stickstoff, Sauerstoff und Fluor und dies aus gutem Grund. Nur hier haben die Wasserstoffverbindungen eine wesentlich höhere Siedetemperatur als nach den molaren Massen zu erwarten wäre. Gelegentlich macht man auch den Fehler, bei Chlorwasserstoff Wasserstoffbrücken zuzulassen, dies ist aber streng genommen nicht mehr korrekt. Man kann sich zum einen überlegen, warum das nicht richtig ist. Zum anderen ist es interessant, zu untersuchen, was denn zwischen Verbindungen mit starken Wasserstoffbrücken und solchen ohne wesentliche Wasserstoffbrücken geschieht, wenn sie zusammenkommen. Das soll in den nächsten beiden Abschnitten untersucht werden.
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Wasserstoffbrücken nur bei Stickstoff, Sauerstoff und Fluor Um zu verstehen, dass nur bei den obengenannten Elementen Wasserstoffbrücken bestehen, muss man sich die Moleküle etwas genauer ansehen. Es fällt auf, dass die Atomradien der Elemente der dritten Periode, hier P, S und Cl rund 55% größer sind als die der Elemente der zweiten Periode (N, O und F). Eine vergleichbare Radienzunahme findet man im Periodensystem sonst nicht mehr. Betrachtet man jetzt das neue Volumen, so beträgt dieses 370% des alten, auch dies natürlich eine Einmaligkeit. Man kann auch die Oberflächen untersuchen; die beträgt 240 % der alten. Das heißt, ohne hier mit Molekülorbitalen genau durchrechnen zu wollen, dass sich die Valenzelektronen auf den größeren Atomen viel stärker verteilen können, die Elektronendichte ist also wesentlich geringer. Hinzu kommt, dass die EN-Differenz zwischen Wasserstoff und dem anderen Element auch nicht mehr so groß ist. Daraus ergibt sich insgesamt, dass die Bindung nicht mehr so polar ist und der Wasserstoff von der wesentlich weniger kompakten Ladung nur noch deutlich weniger angezogen wird. Wenn Schülerinnen und Schüler die Wasserstoffbrücken so einigermaßen verstanden haben, dann wissen sie, dass diese nicht nur von der speziellen Polarität der Bindung, also der "Nacktheit" des Protons abhängen, sondern auch von der Kompaktheit der Ladung am anderen Atom. Man hat hier einen klassischen Fall von Geben und Nehmen bei Elektronen. Der Name Wasserstoffbrücke wird zwar durch die Einmaligkeit des Wasserstoffatoms mit nur einem Elektron bestimmt; am Zustandekommen einer Wasserstoffbrücke können jedoch nur 3 weitere Atome beteiligt sein.
5 Wasserstoffbrücken
bei der Reaktion von Chlorwasserstoff mit Wasser Das Einleiten von Chlorwasserstoff in Wasser und zum Vergleich in Benzin oder auch Aceton ist ein sinnvoller Versuch zur Erklärung der Säurewirkung von Chlorwasserstoff. Es lässt sich leicht experimentell zeigen, dass im Benzin, dessen Moleküle nahezu unpolar sind, keine Ionen entstehen (obwohl Chlorwasserstoff gelöst wird), im Wasser jedoch sehr viele. Auf die Lösung braucht nicht näher eingegangen zu werden, die Ionenbildung ist das wesentlich Neue. Wenn man sich die Reaktion klar macht, so hat man hier ein sehr einfaches aber auch dramatisches Beispiel einer chemischen Reaktion: eine Bindung geht entzwei (zwei auseinander im ursprünglichen Wortsinne!), eine andere Bindung wird neu gebildet (passiert im täglichen Leben ja auch laufend), nur so lässt sich die Ionenbildung erklären. Lässt man die Schülerinnen und Schüler jetzt eine Reaktionsgleichung formulieren, so stellen sie fest, dass zwei Reaktionen möglich sind, von denen jedoch in allen Lehrbüchern, die mir zur Verfügung stehen, immer nur die eine (wohlbekannte) erwähnt wird. Man kann aber nicht davon ausgehen, dass die Schülerinnen und Schüler, die sich erstmals in ihrem jungen Leben mit diesem Sachverhalt auseinandersetzen, nicht an beide Möglichkeiten denken und auch beide zunächst für gleich wahrscheinlich halten müssen. Und versucht man, Eigenschaften und Reaktionen nicht einfach nur mitzuteilen (auch der Nachweis der Chlorid-Ionen mit Silbernitrat ist hier unbefriedigend [2]) sondern auch zu erklären und zu verstehen, um eine gewisse Denkweise zu lernen, so muss man sich auch theoretisch mit den beiden Reaktionsgleichungen auseinandersetzen: HCl + H2O -> H3O+ + Cl- (1) HCl + H2O -> H2Cl+ + OH- (2) Von der Hydration sei hier einmal abgesehen. Es sind
also beide Ausgangsstoffe auf die Polarität ihrer Bindungen und damit
auf die
Leichtigkeit ihres Bruches (wo ist die Sollbruchstelle?) zu untersuchen
und
damit auf die unterschiedlichen Möglichkeiten der Protonenwanderung.
Und da
empfiehlt es sich, die Sachverhalte anschaulich darzustellen, am besten
am
räumlichen Modell. Hier muss die Beschreibung reichen Gleich am
Anfang hat man die typischen Überlegungen der Chemie: Abwägen zweier
Effekte
gegeneinander: 6
Literatur [1] Christen, Hans Rudolf, Chemie auf dem Weg in die Zukunft, Diesterweg Verlag, Ffm 1988, S. 84 [2] Christen, Hans Rudolf: Chemieunterricht, eine praxisorientierte Didaktik, Birkhäuser Verlag Basel 1990, S. 96 [3] Pfeifer, Peter et alii: Konkrete Fachdidaktik Chemie, Oldenbourg Verlag, München 1992, S. 393 [4] Becker, Hans-Jürgen et alii: Fachdidaktik Chemie, Aulis Verlag, Köln 1992, S. 101 [5] Eisner et alii, Elemente Chemie, Klett-Verlag, Stuttgart 1990, S.146 ff [6] Botsch, Walter et alii; Chemie in Versuch, Theorie und Übung, Verlag Moritz Diesterweg, Ffm 1994, S. 159 ff [7] Borucki, Hans et alii, Schülerduden Die Chemie, Dudenverlag, Mannheim 1995, S. 441 [8] Demuth, Parchmann, Ralle, Chemie im Kontext, Cornelsen-Verlag, Berlin 2006, S. 252 [9] Brown, LeMay, Bursten; Chemie die zentrale Wissenschaft, Pearson Studium, München 2007, S. 521 |